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Der Bücherwurm

Bilingus, der Bücherwurm - Optimistisch ins zweite Jahr

Die Zahl der Mitbürgerinnen und Mitbürger mit Zuwanderungsgeschichte in Deutschland, insbesondere der Kinder und Jugendlichen, ist in den vergangenen Jahren sehr stark angestiegen. In manchen westdeutschen Städten hat heute fast jedes zweite Kind eine Zuwanderungsgeschichte. Kulturelle Vielfalt ist also eine Realität in unserer Gesellschaft und somit ist die Mehrsprachigkeit ein Normalfall.

Die zahlreichen Erscheinungen zweisprachiger Kinderbücher signalisieren, dass sowohl die jüngeren Elterngenerationen mit Zuwanderungsgeschichte als auch die Mehrheitsgesellschaft die Bedeutung einer qualifizierten Mehrsprachigkeit heute mehr wertschätzt als vor einigen Jahren. Die Verlage, die diese Tendenz erkannt haben, positionieren sich auf dem Markt erneut, um neue Kundenkreise zu erschließen. Allerdings kennen wir aus unseren Erfahrungen, wie mühsam und schwierig es für Eltern, Lehrer, Vereine und Institutionen ist, viele dieser Titel im Buchhandel zu entdecken und zu erwerben.
Um sowohl den Verlagen als auch den Leserinnen und Lesern den Zugang zu den Leserkreisen bzw. zu den Büchern zu ermöglichen, war die Idee zu „Bilingus, der Bücherwurm“ entstanden. Wir hatten aus einer großen Anzahl von zweisprachigen deutsch-türkischen Kinderbüchern eine Auswahl getroffen. Dabei hatten wir fast alle Verlage, die zweisprachige Kinderbücher führen, untersucht und uns für etwa hundert deutsch-türkische Titel entschieden, die sich an verschiedene Altersgruppen richteten. Somit bekamen die Interessierten die Möglichkeit, all diese Titel über unsere Buchhandlung zu beziehen, ohne sich im Dschungel der Verlags- und Bücherlandschaft durchschlagen zu müssen.

Die Resonanz war sehr zufriedenstellend. Zahlreiche Rückmeldungen haben bestätigt, dass der Bedarf an einen verlagsübergreifenden Katalog sehr groß war und wir damit unseren Zielgruppen eine große Hilfe leisten konnten. Nun präsentieren wir Ihnen mit großer Freude die zweite Ausgabe von „Bilingus, der Bücherwurm“, der um einige Titel ergänzt und konzeptionell überarbeitet wurde. Die neuen Titel in dem Katalog sind mit dem Button „Neu“ gekennzeichnet. Darüber hinaus haben Sie ab jetzt die Möglichkeit, je nach Bestellwert auch Prämien zu gewinnen.

In diesem Sinne freuen wir uns auch im zweiten Jahr über eine gute Zusammenarbeit und hoffen, dass Sie im „Bilingus, der Bücherwurm“ und www.bilingus.de vieles Neues für Ihre Kinder, Schülerinnen und Schüler entdecken können.

Fikret Güneş
Dost Kitabevi
Deutsch-Türkische Buchhandlung

Sehr geehrte Damen und Herren, Liebe Eltern,

Im Gegensatz zu früheren Annahmen wissen wir heute, dass die individuelle Mehrsprachigkeit aus neurologischer Sicht durchaus möglich ist. Die bloße Beobachtung unterschiedlicher Gesellschaften zeigt uns, dass die Mehrsprachigkeit nicht nur möglich ist, sondern de facto weltweit sehr verbreitet ist. Individuen, die früh, und zwar am besten schon in der frühkindlichen sog. „kritischen Phase“, also innerhalb der ersten drei bis fünf Jahre, mit verschiedenen Sprachen in Kontakt kommen, werden auf natürliche Weise mehrsprachig. Diese Fähigkeit zum mehrsprachigen Spracherwerb ist neurologisch, also biologisch programmiert. Das bedeutet, dass die Kleinkinder, mit denen in verschiedenen Sprachen kommuniziert wird, die Struktur und den Gebrauch dieser Sprachen in ihrem Sprachzentrum entwickeln und auf diese Weise diese Sprachen erwerben. Mittlerweile ist ebenfalls bekannt, dass sich durch Lernen und Spracherwerb die Gehirnstrukturen ändern und das Gehirn allgemein schneller und effektiver funktioniert. Deshalb ist die Mehrsprachigkeit aus neurologischer und geistiger Sicht ein großer Vorteil für die Individuen.

Weil jede Sprache, zwar nicht in der Struktur, aber sehr wohl in Kommunikationsformen, kulturabhängige Aspekte aufweist, erlernen die natürlich-mehrsprachigen Kinder schon sehr früh, dass in unterschiedlichen Sprachen nicht nur Dinge anders benannt werden, sondern dass in unterschiedlichen Sprachen auch unterschiedlich kommuniziert wird. Auf diese Weise lernen die Kinder schon in einer unbewussten Lebensphase, dass die Andersartigkeit der Sprachen und der Kommunikationsformen genauso normal ist wie die der Menschen. Diese erlebte Erkenntnis bringt viele geistige und psychologische Vorteile für die einzelnen mit sich. So sind die Mehrsprachigen in der Regel offener, interessierter, andersartigen Menschen gegenüber toleranter und kontaktfreudiger als Monolinguale. Auf jeden Fall können sie neue Sprachen leichter und schneller lernen. In der heutigen globalisierten Welt haben sie größere Erfolgschancen sowohl in der Schule als auch später in der Arbeitswelt.

Damit für Kinder, die in einer mehrsprachigen Umwelt aufwachsen, diese Vorteile erlebbar werden, muss die unabdingbare Bedingung erfüllt sein: Kommunikation mit den Kindern. Falls dies nicht, oder nicht ausreichend, gewährleistet wird, können die Kinder weder die Sprachstruktur erwerben noch die Kommunikation. Es genügt nämlich nicht, dass die Kinder die Sprachen nur zu hören bekommen, sondern sie müssen in diesen Sprachen leben; das heißt, mit den Kindern muss in diesen Sprachen gesprochen und gespielt werden. Dadurch lernen sie, dass sie durch Sprechen, also durch Sprachverwendung, ihre Wünsche erreichen können, dass sie sich verteidigen können, dass sie neues erfahren können. Das heißt, sie lernen, wozu die Sprache gut ist. Somit bedeutet der natürliche Spracherwerb nicht nur den Erwerb der Sprachstruktur, sondern mit den Sprachen und durch die Sprachen lernen die Kinder einerseits die Welt kennen, und andererseits lernen sie das Erkennen, das Denken, das Kommunizieren und das Handeln. So gesehen geht der Spracherwerb mit dem Kommunikationserwerb einher. Deshalb ist das Sprechen, Spielen und Interagieren mit den Kindern die Voraussetzung für ihren Spracherwerb. Anders ausgedrückt, erlernen die Kinder keine Sprache, wenn nicht mit ihnen kommuniziert wird. Ob ein- oder mehrsprachig, die Sprachkompetenz nur als Sprechsprache genügt in den Wissensgesellschaften nicht. Die Sprachen müssen zur Schriftsprache entwickelt werden. Denn zum Erfolg in der Arbeitswelt der Wissensgesellschaften ist die Kompetenz in der Schriftsprache unabdingbar. Deshalb sollen die Kinder sehr früh zum Lesen herangeführt werden. Denn nicht nur in Erwachsenenbüchern, sondern auch in Kinderbüchern sind sprachliche Formulierungen, die in mündlicher Sprache nicht vorkommen. Auf diese Weise erweitern die Kinder schon beim Lesen von Kinderbüchern ihre Sprachkompetenz. Aber nur Lesen oder Vorlesen (je nach Alter) genügt nicht; über die gelesenen oder vorgelesenen Bücher soll unbedingt gesprochen werden, damit das Kind die verwendete Sprache erlernen und einen gesunden Begriff vom Lesen entwickeln kann. Lesen ist nicht nur Vertonen der Schriftzeichen; die Kinder müssen lernen, den Text zu verstehen. Durch Nachspielen oder Frage-Antwort-Spielen werden die Kinder ans Verstehen herangeführt.

Beim Vorlesen für bilinguale Kinder hat sich als sehr hilfreich erwiesen, dass die Geschichten oder Märchen – wenn möglich von verschiedenen Personen – einmal auf Türkisch und später auf Deutsch vorgelesen werden. So bleiben die Geschichten in sich geschlossene Texte, und der Sprachgebrauch und die Kommunikationsformen der jeweiligen Sprachen werden nicht miteinander gemischt.

Bis vor wenigen Jahren suchten türkeistämmige Eltern händeringend nach deutsch-türkisch zweisprachigen Kinderbüchern und DVDs. Leider gab es kaum welche. Deshalb ist es eine große Freude, dass sich die Bücherlandschaft in diese Richtung erweitert hat. Es ist sehr wünschenswert, dass weitere bilinguale Bücher und DVDs produziert werden.

Prof. Dr. Emel Huber

Universität Duisburg-Essen
Studiengang Turkistik